Ich fahr Rad

Von Reifen, Pumpen und netten Menschen

Es ist eigentlich nur die Geschichte von einem platten Reifen. Aber es ist eben eine typische Radlergeschichte. Erstens weil sie so jedem passieren kann und man was draus lernt. Und zweitens weil es genau das ist, was Radfahren und mit dem Rad auf Tour sein für mich so großartig macht… Menschen.

Das muss man schon können: auf einer 60 Kilometer-Tour mit Rennrad finden sich knappe 500 Meter Schotterstrecke. Und dort musst man es schaffen so schlecht vorbereitet zu sein , dass man sich auf genau den 500 Metern den Plattfuß holt… Ich kann das!

Der Martin: zum Glück

Maenner_mit_StirnbaendernZum Glück hatte ich den Martin dabei. Denn ich muss auch gleich noch gestehen: ich bin unheimlich gern mit dem Rad unterwegs und total gerne auf Tour. Aber technisch seeehr unbegabt. Und ich hab auch immer die Angst, was falsch zu machen, wenn es um handwerkliches geht. Reifen wechseln usw. gehört dazu… Ja – ich weiß das ist peinlich. Aber was soll ich sagen: es ist halt so… Der Martin hat dann (obwohl wir uns sonst immer sofort frozzeln wenn wir unterwegs sind) nicht rumgeunkt, sondern einfach nur angepackt. Ohne großes diskutieren war zwischen uns klar: er kümmert sich darum. Das ist der kleine aber feine Unterschied: frozzeln heißt eben nicht auf echten Schwächen von jemanden rumreiten, sondern Spaß haben.  Aber das ist eine andere Geschichte.

Im Grunde: ein Reifenwechsel wie tausend andere…

Reifenpann_Mondseetour_ (1 von 1)Also kaum hatte Martin mitbekommen, dass es bei mir nicht mehr weitergeht (ältere Menschen hören ja schlechter, darum war er schon einige hundert Meter weiter… 😉 ) kam er zurückgeradelt und der Schlauch wurde fachmännisch raus genommen. Dank der aus Mallorca mitgebrachten Hürzeler Rad-Tasche war alles was dazu nötig war an Bord. Glück gehabt.

Martins sehr sachliche Vermutung, dass die Panne an meinen speziellen Talenten in Sachen Verständnis von Radtechnik liegt, ist übrigens nicht zu weit hergeholt.  Es ist eher Fakt, wie sich später auch mehr oder weniger bestätigte. Man sollte ein Rennrad, besonders wenn man nicht nur auf singendem Asphalt unterwegs ist, immer ordentlich aufgepumpt haben. Hatte ich nicht.

Merke: Auf einen Rennradreifen gehören schon so 8 Bar Druck – das ist nicht nur gut zum Rollen, sondern auch um eine bestimmte Art von Plattfuß – zum Beispiel auf Schotter mit spitzen Steinen – zu vermeiden.

Jaja – ich höre jetzt schon die Rennrad-Spezialisten stöhnen: das weiß doch jeder. Stimmt. Theoretisch hatte ich das auch schon gehört. Aber wissen und verstehen oder sogar machen, das kann sich unterscheiden. Ich hab vor der Abfahrt mal so den lockeren Daumentest gemacht. Und der kann leicht trügerisch sein. Also: lieber Pumpe oder Meßgerät kurz anschließen, Druck prüfen und dann erst losrollen… Hab ich natürlich nicht gemacht 🙁

Ersthelfer: Menschen helfen gern, man muss nur fragen…

Reifenpann_Mondseetour_ (2 von 5)Martin wechselt also den Schlauch… Dann entscheidet er sogar den Schlauch nochmal rauszumachen, weil er nicht daran gedacht hatte, zu prüfen ob noch irgendwas spitzes drinnen im Mantel ist und den zweiten Schlauch gleich killen würde. Gute Idee. Sollte man sich merken.

Bei der Gelegenheit: hier ein Video zum Thema: richtig Reifen wechseln von Martins Bruder, dem Triathlon-Tipps Macher Stephan.

Auf seinem Youtube-Kanal finden sich auch noch andere Videos  – nicht nur für Triathleten, sondern auch so praktische Sachen wie man richtig ein Hinterrad aus- und wieder einbaut.

Aber weiter im Text: Als nächstes wurde der Schlauch nochmal eingezogen und dann holte Martin seine Pumpe raus. Ich hatte nämlich – weil ich ja gesehen hatte, dass Martin eine dabei hat – keine mitgenommen. Das war ein Fehler… Und darum brauchten wir ganz schnell weitere Ersthelfer… Zum Glück kamen welche – sonst wären wir nie am geplanten Ziel Mondsee angekommen. Sind wir aber 🙂 Okay – der Reihe nach…

Pumpentest: ein paar Jahre später ist man älter geworden – als Fahrradpumpe…

Reifenpanne MondseetourDas Problem war lächerlich einfach: anwesend waren ein perfekter Reifenwechsler (Martin), ein Schlauch und das nötige Werkzeug (Hürzeler). Abwesend war eine funktionierende Radpumpe. Denn Martin hatte die Pumpe nun schon vor einigen Jahren gekauft – und wie oft bei solchen Nothelfern – bisher kaum gebraucht. Und nun sollte sie zum echten Einsatz kommen – aber sie wollte und konnte nicht mehr. Wir wissen nicht, ob es Materialermüdung war (zu viele Einsätze waren es definitiv nicht) oder einfach nur Produktions-Pech beim Hersteller. Auf jeden Fall hatte Martin schnell das Gefühl irgendwie kommt da nicht genug Luft an im Reifen. Stimmte – und war logisch: denn langsam aber stetig löste sich der Pumpenkopf vom Pumpenkörper. Und damit waren die 10 Bar die die Pumpe maximal bringen sollte natürlich ein nie mehr zu erreichendes Traumziel. Mit viel Aufwand konnte Martin soweit aufpumpen, dass man das Rad vernünftig schieben konnte. Mehr aber auch nicht. Also…

Merke: Prüfe Deine Fahrradpumpe für unterwegs regelmässig im echten Einsatz. Sonst kannst Du sie auch daheim lassen…

Nun – diesen Rat hatten wir nicht befolgt. Ergo: keine Pumpe. Also hofften wir auf die Vorbeikommenden. Auf dem Weg kamen uns tatsächlich einige klassische Freizeitradler entgegen. Insgesamt drei. Und alle drei hatten wohl eher geliehene EBikes oder normale Räder. Alle drei mussten erstmal gucken, ob sie überhaupt eine Luftpumpe dabei haben. Und entweder hatten sie sie nicht oder fanden sie halt nicht. Egal: aber alle waren nett und wollten helfen und überschlugen sich mit Vorschlägen, was man nun tun könnte. Das war schon mal super – einfach nur weil es ein wenig tröstet.

Systemübergreifend: MTB hilft Rennrad…

Wir fingen also an zu schieben, als eine Radlergruppe auf MTBs vorbeikam. Zum Glück für uns… Obwohl die auf den letzten Kilometern ihrer Tour waren und auch schon 60 Kilometer in den Beinen hatten, gab es kein zaudern: alles absteigen, helfen und Pumpe raussuchen war Ehrensache. Der Mann mit der Pumpe (und dem professionellsten Outfit) hatte sogar einen Adapter für Rennradreifen dabei. Und legte auch sofort selber Hand an. Sprich: der Erste der pumpte, um zu sehen ob alles klappt war er. Sehr nett. Sehr engagiert. Irgendwann als klar war, wir kommen voran haben wir uns dann abgewechselt. Aber er hat auch da weiter dafür gesorgt, das Pumpe und Ventil guten Kontakt hatten… So konnte der Pumper sich auf das pumpen konzentrieren. Also: da wurde von dem zufällig Vorbeikommenden nicht nur zugeguckt. Fand ich toll.

Herausforderung: Der Rennkompressor…

Klare Sache: mit einer MTB Pumpe kommt man nicht auf das gewünschte Rennrad-Bar-Niveau. Aber dank des Zusammenhelfens aller kamen wir soweit, dass wir gaaaaaanz vorsichtig mit beiden Rennrädern die nächsten paar hundert Meter auf dem Feldweg rollen konnten. Dann kam wieder Asphalt. Wußten wir! Denn das war der andere Punkt der Hilfe der vorbeikommenden Radler: sie konnten uns sagen, wie lange wir noch von Schotter und Feldweg ausgehen müssen. Sie kamen uns ja entgegen. Das gab nicht nur Mut, sondern auch eine realistische Einschätzung. Den nächsten Ort – Schleedorf – konnten wir in der Ferne schon sehen (den Kirchtürmen sei dank) und auch das GPS an meinem Rad  machte klar: das sind noch knappe anderthalb Kilometer. Das kriegt man auch mit weniger Bar und Vorsicht hin. In Schleedorf kann man gucken, wo man einen Rennkompressor herkriegt, mit dem das Rennrad auf Niveau kommt…

Service: Stefan hilft…

Reifenpann_Mondseetour_ (3 von 5)Es war ein Stefan der half. Nein  – nicht der Bruder vom Martin…  Aber der Bruder einer Schwester die uns den Weg wies. Denn in Schleedorf angekommen war schnell klar: so groß ist der Ort nicht, dass wir da noch einen Radhändler finden. Und jetzt? Tja – jetzt muss der Radler kommunikativ sein. Das sind wir.  Da waren zwei Damen, die sich gerade nett bei der Gartenarbeit unterhielten. Also fragten wir halt, ob sie jemanden im Ort kennen, der eine vernünftige Radpumpe hat. Die eine sagte sofort: „Na – fahrt mit mir mit. Ich hab eine daheim die hoffentlich geht…“ Und dann ergänzt die zweite: „Ne – fahrt zu meinem Bruder, der ist Radfan, hat alles mögliche – garantiert auch eine ordentliche Pumpe. Außerdem habe ich den gerade nach Hause kommen sehen. Der ist also sicher daheim…“ Kurze Beschreibung wer und wo, dazu ein Gruß mit Empfehlung und so lernten wir Stefan kennen. Der hat nicht nur ein breites Angebot an Rädern und fährt selber viel, sondern natürlich auch eine hervorragende Radpumpe. Und er ist sofort bereit zu helfen. Und weil ich mich nicht so perfekt mit der Pumpe die er hat harmonisch zeige, sagt er: „Machst ned so oft, gell? Lass mich mal…“

Und als sei das nicht genug prüft er gleich mal vorne und stellt fest: „Da ist ja auch nix drin…“ Und schon wird vorne auch aufgepumpt.

Noch zwei Tipps für die Strecke und damit schickt uns Stefan wieder los. Mit dem Satz: „Na – von der Zeit her reicht es noch für die Rückfahrt…“ Okay – diesen Tipp haben wir nicht beherzigt und ließen uns in Mondsee abholen. Aber dafür hatten wir eine nette kleine Geschichte mit gaaanz vielen netten Menschen. Und ja Martin – einer davon warst Du 😉 Und dadurch kam schließlich auch ich bis nach Mondsee. Nur noch unterbrochen von Foto-Stopps…

Reifenpann_Mondseetour_ (4 von 5)

 

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