Ich fahr Rad

Die Insel des Ungefähren…

Der Martin sagt beim Frühstück, mit Kennerblick auf die Landschaft draußen: „Das wird aufreißen. Wir kriegen Sonne…“; kurze Pause, dann: „…oder auch nicht…“.

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Der Martin…

Später bei der Tour sagt der Martin mit Insidertonfall auf eine Karte tippend: „Da kommen wir dann da raus…“, kurze Pause, dann: „…oder auch woanders…“

Der Martin ist halt angekommen. Auf Mallorca, im Land und beim Radfahren auf der Insel.

Er ist ja auch schon ein paar Tage da. Ich erst seit gestern. Aber je mehr wir heute durch die Gegend gondeln (ja wir haben Rennräder, aber es hat ja keiner gesagt, dass wir ein Rennen fahren wollen) da fällt mir auf, wie sehr der Satz von Martin – oder besser sein Nachsatz – das beschreibt, was ich hier so empfinde beim radeln. Es ist halt so – oder auch anders. So ungefähr eben.

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Stop – oder auch nicht?

Vielleicht mach ich einen Fehler – oder auch nicht…

Ich muss vorab sagen, dass ich denke, dass es sein kann, dass ich jetzt einen kapitalen Fehler mache, wenn ich das schon heute aufschreibe. Jetzt, am allerersten Tag hier. Ich hab ja keine Ahnung von Mallorca – nix gesehen, außer die 60 Kilometer von heute. Oh – und natürlich noch Flughafen, Abholerbus. Hotel-Lobby und Zimmer. Und den Supermarkt. Also: es kann sein, dass ich alles schon in ein paar Tagen wieder zurücknehmen muss. Wie schon mal in Südtirol – ihr erinnert euch. Aber egal: ich sag mal was ich denke – zumindest so ungefähr…

Hier – oder vielleicht auch da

Die Insel des Ungefähren, so habe ich Mallorca heute für mich genannt. Das ist übrigens gar nichts Negatives. Im Gegenteil: vielleicht lieben wir den Süden – und zum Beispiel auch Mallorca – generell genau dafür. Was mir sofort auffällt ist:

Mallorca_ungefähr_006_4kMan kommt an unendlich vielen Gebäuden, Bauwerken oder auch Plätzen vorbei, die alle etwas sind. Oder vielleicht auch was anderes. Viele Häuser die wirken als würden sie schlafen. Als wohnt da keiner. Und dann hört man plötzlich eine Trompete spielen, aus einem dieser Häuser. Da ist keiner? Oder doch einer…? Man kommt an großen Flächen – mit Variationen von Steinmauern umgrenzt – vorbei Die könnten ein toller Garten sein. Oder auch nicht…

Mallorca_ungefähr_007_4kMan fährt an vielleicht schon seit Monaten geschlossenen Läden und Geschäften vorbei. Oder eben auch nicht. Vielleicht macht sie schon in einer Stunde einer auf. Man fährt vorbei an Träumen und Ideen, die Menschen hatten. Aber die vielleicht nichts geworden sind. Oder vielleicht doch – und ich sehe es nur gerade im Moment nicht. Weil das dazu nötige Leben gerade eben nicht da ist, sondern vielleicht gerade irgendwo anders. Und da ist das junge Mädchen im Service im Hotel, die immer am Ende, bevor sie den Tisch verlässt „Danke“ sagt, sonst nichts. Vielleicht weil sie das Wort dass sie da sagt gar nicht versteht? Oder eben genau doch…

Träume die man sehen kann – vermutlich

Mallorca_ungefähr_010_4kOft sieht man Schilder, die besagen das irgendwas als Immobile oder Grund zu verkaufen ist. Manchmal ist das sofort klar. Aber oft, da guckt man sich um und denkt: Hier? Da ist doch nichts. Oder vielleicht doch? Und dann kommt da macnhmal ein Bauwerk, ein Haus, ein Garten wo man denkt: „Großartig! Das ist definitiv toll. Fertig, perfekt…“ Aber keine hundert Meter weiter ist wieder ganz viel „vielleicht“. Und je mehr ich drüber nachdenke, je länger ich vorbeiradle, umso mehr finde ich: das ist es, was mir gefällt. Ich kann Träume sehen. Weil zwischen den Unmengen an „Vielleichts“ der eine oder andere Traum erscheint. Das Ding das klar sagt: hier ist was wahr geworden, was sich einer vorgestellt hat.

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Vielleicht ein Traum – von wem und für wie lange?

Das ist anders als bei uns – möglicherweise

Aber warum fällt mir das hier auf? Vielleicht weil wir daheim zuviele „Definitv“ haben. Zuviele „Fertig!“ Bei uns haben wir ganz viele erfüllte Träume. Ganze Orts- und Stadteile voller „Perfekt“. Da fällt oft gar nicht mehr auf, wie schön etwas geworden ist. Wie sehr es ein Traum war, bevor es Realität wurde. Das kleine Restaurant. Der liebevoll gestaltete Platz. Die nette Einrichtung. Weil gleich nebendran der nächste perfekte Traum steht. Nicht dass einem all die Träume gefallen müssen – aber es ist bei uns schwerer sie zu entdecken. Das ist wie wenn man jeden Tag Schokoladen-Pudding haben kann. Fällt dann auch nicht mehr auf…

Mallorca_ungefähr_002_4kHier auf der Insel ist das anders. Da ist soviel „vielleicht“, soviel Raum für Traum. Und dann steht da plötzlich eine Chance. Man beginnt zu träumen. „Da könnte man doch…“ Oder: „Also hier sollte man aber…“ Oder da steht ein Traum. Einer mitten im Nichts, der was geworden ist und dem der noch träumt wieder Lust gibt, vielleicht auch Mut es zu versuchen.

Obwohl: man weiß ja nicht ob der Traum, der da steht, in Form eines Hauses, eines Gartens oder sonst was auch Zukunft hat. Vielleicht ist er ja morgen schon ein Flop und verwaist? Oder vielleicht auch nicht…

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Ein Mauerstück – oder ein Zufall?

Der Martin – definitiv

Und nach einem Tag, an dem ich ein bißchen mehr hier angekommen bin als noch gestern, wo ich bei einer kleinen Einrollrunde von 20 Kilometern vor allem viel „halbgares“ und „unfertiges“ gesehen habe, denke ich, dass ich mich zumindest nach langen Monaten des Arbeitens am „Definitiven“, doch auch wieder an das ungefähre gewöhnen kann. So wie der Martin. Und morgen, wenn er sagt: „Wir fahren heute mal die 80 Kilometer…“, dann werde ich vielleicht bevor er es kann, schon ergänzen: „…oder auch weniger…“

Achja: auch der Martin kann nicht ganz aus seiner deutschen Haut, obwohl er schon seit 17 Jahren auf die Insel kommt. Sagt er doch zu mir: „Beim Buffet muss du in den vorderen Speisesaal gehen. Da sind weniger Leute – aber das Buffet ist genauso groß. Darum kommt man da schneller dran. Und es ist praktisch nie was aus. Defintiv der beste der drei Buffetplätze… Definitv…“, sagt er mit Insidermine. Und auch nach 20 Sekunden kommt kein „Vielleicht“ hinterher…

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Was draus machen oder es lassen?

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